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Auszug
aus Katalogbeitrag "Tempo" 2008
Paula Abbt-Herberg Die Werkgruppe von Petra Scheibe Teplitz ist im Zeitraum 2007 - 2008 entstanden. Sie ist eine Fortentwicklungs ihrer 1994 begonnen Werkreihe, in welcher Schrift als elementares Gestaltungsmittel eingesetzt ist. Stilistisch weist diese Werkgruppe gewisse Parallelen zur Pop-Art der 60iger/70iger Jahre des 20. Jahrhunderts auf. Die Pop-Art bezog sich auf die Welt des Konsums, des Alltags und der Werbung. Es war eine Hinwendung zum Trivialen. Angestrebt wurde die Verbindung von alltaeglichem Leben und Kunst. Die Kuenstler erreichten dies unter anderem durch die Isolation von Alltagsgegenstaenden, ihrer Kunstverwertung und Platzierung in einen kunstrelevanten Kontext. Die Werkgruppe "Tempo" steht durch die Verwendung der Verpackungshuelle eines stark beworbenen Alltagsgegenstandes in dieser Tradition. Die Kuenstlerin transformiert den Gegenstand durch die erweiterte Gestaltung zu einer neuen Kunstwirklichkeit und zu einer vielschichtigen Aesthetik. In der Mehrdeutigkeit ihres Werkes geht sie weit ueber das inhaltliche Repertoire der Pop-Art hinaus. Sie schafft auch stilistisch neue Bezugspunkte. In der Zufaelligkeit der Materialanordnung steckt ein tachistisches Moment. Das Werk von Petra Scheibe Teplitz wird seit langem vom Prinzip der Serie durchzogen. Auch im Herstellungsprozess des vorliegenden Werkes ist dieses Prinzip konstitutiv. Die Reihung ist konzeptionelle Bildregel. Zum Prinzip des Seriellen gehoert auch die Moeglichkeit der unbeschraenkten Fortsetzung einer Bildtafel. So werden in der Werkgruppe "Tempo" mehrere Bildtafeln aneinandergereiht, senkrecht und waagerecht erweitert oder zu geometrischen Grossformen angeordnet. Jede zusaetzliche Erweiterung scheint vorstellbar. In ihrem Werk schafft die Kuenstlerin eine neue Realitaet in der Produkiton des Kunstwerkes als solchem, mit seiner eigenen materiellen, formalen, abstrakten Qualitaet und Aesthetik. Es ist keine Pseudorealitaet, denn in der Verwendung eines konkreten Gegenstandes aus unserer materiellen Realitaet ist diese Realitaet im Kunstwerk gegenwaertig. Durch den Prozess wird eine Aussage ueber unsere Wirklichkeit getroffen, die weit ueber die Aussage des Gegenstandes selbst hinausgeht. Auch Dr. Edeltraut Froehlich betont, dass bei dem Werk "Lemons never lie" die Worte eine "tiefgruendeige Aussage zu unserem Alltag" beinhalten. Aus dem nutzlosen, dem Abfallverwertungsprozess zugedachten Material eines Massenproduktes wird ein facettenreiches, auf die gesellschaftliche sowie individuell erfahrene Lebensrealitaet bezogenes Kunstwerk. Materialwahl und Schriftzug "Tempo" lassen einen inhaltlichen Bezug zu der Lebenswirklichkeit, zu den gesellschaftlichen, soziologischen Aspekten unserer Gesellschaft herstellen. Ist es ein Verweis auf die industrielle Produktion mit all den damit verbundenen Implikationen auf unsere Lebenswirklichkeit? Oder ein Hinweis auf den damit verbundenen Massenkonsum? Ist das Werk ein Protest gegen unsere Wegwerfgesellschaft? Der Begriff "Tempo" ruft bei dem Betrachter Assoziationen zu Geschwindigkeit, Schnelligkeit, Eile oder Energie hervor. Es sind Attribute unserer gegenwaertigen Lebensart. Sie bestimmen die Lebensrealitaet des modernen Menschen und lassen Sehnsuechte nach dem Gegenentwurf zu einer moeglicherweise humaneren Daseinssituation entstehen. Es steckt in dem Werk "Tempo" auch eine Verweigerungshaltung zum gaengigen Zeitgeist. Es widersetzt sich der Schnelllebigkeit unserer Wegwerfgesellschaft, indem die Kuenstlerin die Veranlagung des Sammelns und des Bewahrens praktiziert. Es ist eine Arbeit, die sich am alten Vorhandenen orientiert und sich dem immer Neuen und Kurzlebigen verweigert. Sie verweist auf Dauer, auf Achtsamkeit, sowie auf Wertschaetzung den einfachen Materialien gegenueber. Viel Zeit und Gesuld wird in dem langen Sammlungsprozess gebunden. Auch in dem schematischen, lang andauernden Prozess der Aneinanderreihung des immer Gleichen manifestiert sich Zeit und Ruhe. Durch die Gleichfoermigkeit der Arbeitsschritte bezeugt dieser Arbeitsprozess ein hohes Mass an Kontemplation. Beim Wechsel der Betrachtungsperspektive findet eine Transformation in das rein Formalaesthetische statt. Dann ist "Tempo" ganz im Gegensatz zu seiner inhaltlichen Orientierung, ein Werk der abstrakten Kunst. Faszinierend dabei ist, dass die Kuenstlerin die Befreiung der gegensaendlichen Kunst durch den Gegenstand selbst vollzieht. Das Ausgangsmaterial ordnet sich deutlich den formalen Bildelementen des Kuenstlerischen unter. Farbe, Licht, Flaeche, Linie, Kontraste, Struktur und Ordnung sind dem Werk konstitutiv. Sie stehen nur fuer sich und bilden eine rein formale Aesthetik. Petra Scheibe Teplitz Werk zeigt eine gelungene, ueberzeugende Verbindung von Zugriffen auf den Lebensalltag der Menschen: des banalen Massenkonsums und des Zeitgeistes. Es ist eine auf nur zwei gestalterische Elemente (die der Serie und der Taschentuchverpackung) reduzierte, gegensatzreiche Transformation eines Wegwerfproduktes in Kunst, verbunden mit einer vielschichtigen Aussage und Anmutungsqualitaet ueber Daseinssituationen von Menschen moderner Industriegesellschaften. Die in einem anderen Zusammenhang getroffene Feststellung von Bischoff Kamphaus laesst sich passend auf die kuenstlerische Arbeit von Petra Scheibe Teplitz uebertragen: "Der Kuenstler kann dem Massenkonsum nur hungernd Widerstand leisten" und zwar in "radikaler Askese". Bei Petra Scheibe Teplitz ist es die Askese in der Gestaltung, in der Reduktion auf ein Ausgangselement. Es ist die Verwendung einfachen Materials mit seinen sparsamen Formen. Erreicht wird jedoch ein Reichtum an stark ambivalentem aesthetisch-sinnlichen Ausdruck, der dem Betrachter als gesellschaftliches Wesen angeboten wird. Ein Alltagsprodukt transzendiert die Lebensrealitaet durch Kunst. |